Warum die Energiewende ein Mythos ist
Europa hat den Anteil seiner erneuerbaren Energien die letzten 20 Jahre verdoppelt. Währenddessen steigt aber der weltweite Konsum fossiler Energien, merkt Gastautor Néckel Polfer an.
Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2016 (unterschrieben von 195 Ländern) ist es, die Erwärmung des Klimas idealerweise auf maximal 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Laut Klimamodellen müssten die Treibhausgasemissionen – vor allem CO₂ – bis 2030 um 50 Prozent reduziert werden, und bis 2050 gar netto null betragen.
Die europäische Energiewende weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien wird von vielen als wegweisend bezeichnet, um dieses Ziel zu erreichen. In der Tat hat sich in Europa der Anteil der Erneuerbaren zwischen 2005 und 2023 von 10,2 auf 24,1 Prozent des Gesamtenergiekonsums mehr als verdoppelt (1).
Allerdings sind diese Statistiken nicht aussagekräftig, inwieweit die Welt den fossilen Energien den Rücken kehrt. Der weltweite Konsum der fossilen Energien hat sich in den letzten 20 Jahren um 40 Prozent gesteigert (2).

Bei dem schier unaufhaltsamen Anstieg vor allem von Öl und Gas ist ein Abflachen demnächst nicht zu erwarten, geschweige denn eine Reduzierung, oder gar eine Transition zu einer CO₂-neutralen Wirtschaft. Auch steht der Anteil der fossilen Energien weiter konstant bei über 80 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs.
Da der Klimawandel ein globales Phänomen ist, scheint es, dass es kaum Fortschritte bei der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft gibt, trotz aller Klimakonferenzen (Kyoto, Copenhagen, Paris, usw.).
Historische Mythen der Energiewenden
Die Industriegeschichte lehrt, dass der erneuerbare Rohstoff Holz zuerst durch die Kohle ersetzt wurde, als Energiequelle für die Dampfkraft. Später kam dann die Umstellung auf Öl, wegen des Verbrennungsmotors.
Es scheint daher logisch, dass die Transition zu Erneuerbaren eine weitere Etappe in der Menschheitsgeschichte darstellt. Wie aber der französische Energiewissenschafter Jean-Baptiste Fressoz in seinem Buch „Sans transition – Une nouvelle histoire de l’énergie“ sehr klar beschrieben hat (3), haben dabei nicht wirklich Transitionen von einer zu einer anderen Energiequelle stattgefunden; sondern die alten Energiequellen blieben bestehen, derweil neue Energieressourcen dazugekommen sind.
Auch wenn die relative Wichtigkeit der verschiedenen Energiequellen sich über die Jahre verändert hat, der absolute Verbrauch jeder Ressource zeigt stetig nach oben, oder bleibt zumindest hoch.
Es stimmt auch nicht, dass die verschiedenen Rohstoffe in einem unbarmherzigen Wettbewerb zueinanderstehen. Oftmals ermächtigen sie einander, wie z. B. Holz für den Bau von unterirdischen Kohleminen oder als Eisenbahnschwellen unersetzlich war. Deshalb blieb der Holzkonsum hoch, auch wenn Kohle anstelle von Holz verbrannt wurde.
Heutzutage wird der Ausbau der erneuerbaren Energien durch die fossilen Brennstoffe ermöglicht, wie z. B. die Kohlekraft in der sehr energetisch aufwendigen Herstellung von Solarpaneelen in China, oder Diesel für den Betrieb von Lastmaschinen beim Abbau von mineralischen Rohstoffen für Batterien.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien benötigt einen enormen Energie- und Ressourcenaufwand, gewährleistet durch fossile Energien.
Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks
Nicht nur Autofahren oder Fliegen führt zu CO₂-Emissionen. Weil die fossilen Energien eine so wichtige Trägerrolle in der Wirtschaft spielen, ist der CO₂-Fußabdruck von vielen Konsumprodukten überraschend hoch. Die Produktion von einem Kilogramm Tomaten in geheizten Gewächshäusern verschlingen beispielsweise einen halben Liter Diesel; die Produktion von einem Kilogramm Seebarsch verbraucht sogar mehr als zwei Liter Diesel (4). Wir essen förmlich Öl.
Die einfachste Lösung, um seinen CO₂-Fußabdruck zu vermindern, läge darin, seinen Konsum zu senken. In einer kapitalistischen Konsumgesellschaft ist das natürlich ein Wunschdenken.
Anstelle zielt die europäische Politik darauf, mittels hoher Energiepreise die energieintensiven Industrien ins Ausland zu verlagern, um damit die eigene Statistik zu verbessern. Mit diesem lokalen Handeln aber kann man ein globales Problem wie den menschengemachten Treibhauseffekt nicht lösen. Im Gegenteil, bei den langen Transportwegen und dem ineffizienteren Energieverbrauch in den Entwicklungsländern werden die Emissionen noch gesteigert. Europa deindustrialisiert sich, konsumiert aber ungeniert weiter.
Eine andere Möglichkeit, um die CO₂-Emissionen zu senken, läge darin, die Atomkraft massiv auszubauen, sodass die CO₂-freie Atomkraft fossile Energien tatsächlich ersetzt. Politisch ist diese Lösung aber in vielen europäischen Ländern nicht umsetzbar. Wie die letzten 15 Jahre in Deutschland gezeigt haben, ist man eher bereit, die besonders klimaschädliche Kohlekraft zu tolerieren, als die Atomkraft.
Veränderung von Erdoberfläche und Atmosphäre als Lösung?
In Anbetracht des wachsenden Energiebedarfs von Entwicklungsländern und der energiehungrigen Künstlichen Intelligenz ähnelt die europäische Energiewende einem Tropfen auf den heißen Stein. Wenn die Temperaturen in diesem Jahrhundert wirklich steil emporsteigen, wie es die Klimamodelle voraussagen, welche Gegenstrategien bleiben dann noch?
In diesem Fall wird man das Geoengineering/Climate Engineering doch nicht ausschließen können (5). Hierbei handelt es sich um eine bewusste Veränderung der Erdoberfläche und Atmosphäre, um das Klima zu steuern.
Beispielsweise kann man die Erdoberfläche abkühlen mithilfe von reflektierenden Partikeln in der höheren Atmosphäre; diese wirken wie ein Schutzschild, sodass weniger Sonnenstrahlen die Erdoberfläche erreichen. Bei Vulkanausbrüchen passiert genau dieser Prozess, aber auf natürliche Weise.
Nebenbei ist die Verdoppelung des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre auch eine Art von Geoengineering. Schließlich ist eine gewisse Regulierung des Klimas durchaus zu vertreten: weder ein extremer Treibhauseffekt, noch eine erneute Eiszeit wären im Interesse der Menschheit.
* Der Autor ist Prof. Dr. der Chemie und Klimaschöffe der Gemeinde Weiswampach.
Quellenverzeichnis:
(1) ec.europa.eu/eurostat/statistics
(2) https://ourworldindata.org/fossil-fuels
(3) Fressoz, Jean-Baptiste, 2024, „Sans transition – Une nouvelle histoire de l'énergie“, ISBN 9782021538564.
(4) Smil, Vaclav, 2022, „How the World Really Works“, ISBN 9780241989678.
(5) Morton, Oliver, 2016, „The Planet Remade“, ISBN 9780691148250.